Abenteuer im Amazonas und Tanzen im Regenwald

– 112 Tage nach der Ankunft –

Ein kleiner Traum ist in Erfüllung gegangen. Im Regen im Amazonas tanzen, mitten in der Wildnis zwischen Bananenbäumen, Affen und Urwaldgeräuschen!

Meine Eltern und meine Geschwister haben mich Mitte Oktober für zwei Wochen besucht.
Die gemeinsame Zeit mit meiner Familie begann in Tunja. Einen Tag sind wir nach Boyacá gefahren und haben mit meiner Gastfamilie zusammen Mittag gegessen. Für mich ein sehr besonderer Moment, weil meine beiden Familien wie schon im März 2016 aufeinandertrafen. Trotz Sprachbarrieren war es ein schöner Nachmittag. Sprache scheint in manchen Situationen gar nicht so wichtig. Die Menschen werden dann kreativ und kommunizieren über andere Wege.
Der nächste Tag war für mich auch ein sehr besonderer. Einen Tag lang zeigte ich meiner Familie mein Leben in Bogotá, wo ich wohne, wo ich einkaufe, die Uni, wo ich am Liebsten tinto (Kaffee) trinke und die kleinen Dinge aus meinem kolumbianischen Alltag. In der Uni wurden wir herzlich empfangen, wohl eher zufällig, aber das minderte die Herzlichkeit jedoch nicht im Geringsten. Meine kubanische profe und ein anderer profe haben uns gleich auf einen tinto eingeladen und waren sehr interessiert an den vier großen, blonden Menschen. Ein wohliges Gefühl breitete sich in mir aus. Wieder mal wurde unter Beweis gestellt, wie herzlich und offen Kolumbianer*innen sein können. Nach den zwei Tagen ging die große Reise los!
Vom tiefsten Süden, den letzten Zipfel Kolumbiens an der Grenze zu Peru und Brasilien, über die berühmte Metropole Medellín bis nach San Andrés reisten wir. Von meiner Reise vor zwei Monaten nach San Andrés und Providencia berichtete ich vor kurzem.

In den Amazonas bin ich bisher nie gereist und war umso aufgeregter, als es von Bogotá mit dem Flieger nach Leticia ging. Schon als wir aus dem Flieger ausstiegen, legte sich die klebrig, feuchte Hitze um uns. Leticia ist die Hauptstadt des departamentos (Bundesland) Amazonas. Mit knapp 40.000 Einwohner*innen ist es die größte, kolumbianische Gemeinde im Amazonas-Gebiet.
Noch am ersten Abend konnten wir ein tolles Ereignis auf dem Hauptplatz der Stadt bestaunen! Kurz vor der artadecer (Sonnenuntergang) kehren jeden Abend Hunderte, vielleicht sogar tausende, grüne Papagein in die Bäume des Hauptplatzes zurück, um dort geschützt vor natürlichen Feinden, die Nacht zu verbringen. Es war ein wahres Naturspektakel. Über uns kreisten unzählige Vögel, die alle zusammen ein lautstarkes Orchester bildeten, sodass man sich untereinander kaum verstehen konnte.

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Am nächsten Tag startete das Dschungelabenteuer mit dem schönen Nebeneffekt eines Digital Detox, den ich (als angehende Medienwissenschaftlerin) sehr genossen und reflektiert habe 😀
Die nächsten Tage verbrachten wir in der Gemeinde Mocaguas, mit dem Boot 1:40 Stunde von Leticia entfernt. In Mocaguas leben Menschen aus fünf verschiedenen Ethnien zusammen. Jede indigene Ethnie spricht ihre eigene Sprache und lebt nach eigenen Traditionen, doch trotzdem leben alle in einer Gemeinschaft zusammen, in der untereinander Spanisch gesprochen wird. Die Gemeinschaft organisiert sich über einen Rat aus sechs Personen bestehend, der gewählt wird. Die Person, die das sagen hat und vom Rat unterstützt wird, hat die Funktionen eines Bürgermeisters. Die größte indigene Gemeinschaft sind die Ticunas. Wir sind die nächsten Tage bei einer Familie der Ticunas untergekommen. Sehr spannend, denn so haben wir einiges über die Kultur und die Geschichte des Stammes gelernt.
Ich sehe diese Art von Tourismus jedoch auch kritisch. Ich frage mich, inwiefern Touristen dort wirklich die wahre Kultur und indigene Traditionen kennenlernen. Es hat für mich ein wenig etwas von Showtourismus. Tourismus ist für die Menschen mittlerweile eine große Einnahmequelle und trotzdem möchte ich keine Ausbeutung unterstützen, denn Tourismus kann auch sehr viel kaputt machen. Gerade kulturelles Gut kann dadurch zerstört werden.
Die Tage mit unserem Guide Barto und seiner Familie haben uns sehr gefallen und ich hatte das Gefühl er und seine Familie haben Freude an ihrem Job.
Trotzdem denke ich, dass ein solcher Aufenthalt reflektiert werden sollte. Durch den kommenden Tourismus in der Gemeinde Mocaguas wurde zum Beispiel auch ein Gesetz erlassen, dass die Einwohner*innen von Montag bis Freitag keinen Alkohol trinken dürfen. Gerade in ländlichen Gegenden haben viele Menschen ein Alkoholproblem in Kolumbien.

Oft merke ich, wenn ich in Südamerika reise, dass mich die Menschen ganz anders behandeln, wenn sie merken, dass ich Spanisch spreche und gerade im Land wohne. Es ist möglich eine ganz andere Verbindung zu den Menschen aufzubauen und so kommen auch manche Unterhaltungen zustande, die ohne Spanischkenntnisse nicht möglich gewesen wären.

Nach einem kleinen Rundgang durch das Dorf, in dem wir die Riesenseerosenblättern im Teich, die primaria (Grundschule) und die bunten Häuser (jedes Haus hat Bemalungen, aus denen sich schließen lässt, was deren Bewohner*innen beruflich machen oder mögen) gesehen haben, ließen wir den Abend ausklingen mit einem Bad im Amazonas, bei dem wir uns den traumhaft schönen Sonnenuntergang ansahen.

 

An die Piranhas, Schlangen, Stachelrochen und wer weiß was noch im Wasser herumtummelt, sollte man besser nicht denken. Stattdessen genossen wir die traumhaft schöne Aussicht.

 

Die indenge Familie, bei der wir unterkamen, führen eine Stiftung, in der sie misshandelte Affen aufnehmen, aufpäppeln und auswildern. Viele Menschen halten sich Affen als Haustiere, die darunter sehr leiden können. Seit 2003 haben sie schon 700 Affen in die Wildnis gelassen. Wir haben einige Momente mit den Affen July, Helena und Camilo verbracht und waren total verzaubert von ihnen.

 

So richtig spannend wurde die Wanderung in die selva (Wildnis), die vier Stunden dauern sollte. Wir großen Europäer taten uns ziemlich schwer in der Hitze mit langen Klamotten (als Mückenschutz) über Stock, Wurzel und Überraschungen auf dem Boden zu laufen. Barto zeigte uns viele Tiere und medizinische Pflanzen, die die Indigenen noch heute nutzen. Flüsse und Bäche überquerten wir über natürliche Brücken, mehr oder weniger stabile Baumstämme, die von einem Ufer ans andere reichten. Da wir uns so sehr konzentrieren mussten, nicht auszurutschen, zu stolpern oder hinzufallen, konnte man gar nicht seine Umgebung so sehr genießen und wahrnehmen. Wir befanden uns im Primärwald, der nie berührt wurde und dementsprechend für uns viele interessante Pflanzen, Tiere, Geräusche und Geschichten beherbergte. So kämpften wir uns durch den Dschungel, vorne voran stets Barto mit seiner Machete um uns den Weg freizuräumen.

 

Nach vier Stunden kamen wir dann an der Hütte an, die Bartos Familie gehört. Die Hängematten wurden aufgehängt und fertig war unsere Unterkunft für die nächste Nacht. Da fing es auch schon an wie aus Eimern zu schütten. Anstatt uns unter dem Dach zu verkriechen, fingen wir an im Regen zu tanzen, mitten im Urwald, umgeben von nichts als exotischen Tieren, Pflanzen und den Geräuschen des Amazonas. Vielleicht ein bisschen kitschig, aber für mich ein toller Moment!

 

Abends war eine kleine Nachtwanderung geplant. Bis zum Gesicht von Kleidung bedeckt, damit so wenig Mücken wie möglich uns angreifen konnten, liefen wir ausgestattet mit Handytaschenlampe durch den Dschungel. Mir wurde bewusst, wie wenig wir für die Gegend geschaffen sind und wie unsicher wir uns bewegten, schon am Tag unsicher, umso mehr in der Nacht.
Highlight der Nachtwanderung: einen Moment lang schalteten wir die Lichter aus und konnten am Boden Sterne erkennen. Es war als ob uns der Himmel zu Füßen liegen würde. Wohin wir sahen, waren helle Punkte zu erkennen. Barto erklärte uns, dass das von Pilzen befallene Blätter wären, was dem Bodenhimmel den Zauber nicht nahm.
Nach so einem anstrengenden Tag konnte die Nacht in der Hängemätte beginnen. Barto erzählte uns bei Kerzenlicht einige, spannende Geschichten seines Stammes der ticunas und bald waren alle eingeschlafen. Am nächsten Morgen wurden wir von den Geräuschen des Dschungels wach. Ein bisschen in der Hängematte liegen, sich von den Klängen wecken lassen und die hohen Bäume um uns herum betrachten.

Nach einer solchen schönen Wildniserfahrung, bestritten wir den Heimweg in die Dorfgemeinschaft. Da es so viel geregnet hatte, mussten wir mit einem Boot ein Ufer überqueren. Meine Mutter und ich fuhren mit Barto und dem Boot vor, um die anderen einzusammeln, die vorgelaufen waren. Als wir im Boot saßen, konnten wir die Umgebung richtig wahrnehmen. Die Laute um uns herum und die verschiedenen Bäume, die man beim Laufen gar nicht richtig angucken kann. Wir sahen sogar einige wilde Affen von Baum zu Baum schwingen.
Auf dem Rückweg ins Dorf fing es wieder stark an zu regnen. Mit meiner Tollpatschigkeit musste es dann so weit kommen, dass ich auf einem nassen Baumstamm ausrutschte und mit meinem Gesicht auf einen anderen Baumstamm am Boden aufprallte . Mit einer mehr oder weniger leichten Gehirnerschütterung, die über eine Woche anhielt und einer Dschungelnarbe auf dem Kopf, habe ich den Dschungel überlebt! Der Dschungel hat mich zutiefst erschüttert, aber ich überlebte(haha).

Am letzten Tag bastelteten wir mit der Familie gemeinsam artesenles (Kunsthandwerk, in unserem Fall Armbänder). Mit dem Boot fuhren wir nach Puerto Nariño, einer größeren Gemeinde, die dank des Bürgermeisters sehr auf die Umwelt bedacht ist. Aus Plastikflaschen werden dort Mülleimer und Kunst gebastelt. Im gesamten Dorf, dass circa 8.000 Einwohner*innen zählt, gibt es nicht ein Auto oder Motorrad.
In der Nähe von Puerto Nariño gibt es einen kleinen Nebensee des Amazonas, in dem wir graue und auch rosafarbene Delfine sehen sollten. Die konnte man mehr oder weniger gut sehen. Nur für einen kurzen Augenblick kommen die Delfine aus dem Wasser. Die grauen Delfine, die nur bis 1,50 Meter lang werden, springen leicht aus dem Wasser, um Luft zu holen. Die rosafarbenen Delfine, die bis zu 3 Meter lang werden, zeigen sich nur kurz. Mit meinem angeschlagenen Kopf fiel es mir ziemlich schwer auf das sich bewegene, wölbende Wasser zu konzentrieren, aber einige Delfine konnten wir sehen.
Auf der Bootsfahrt zurück in die Gemeinschaft, hatten wir sogar noch ein kleines Angelerlebnis. Ein Fisch sprang Janin, unserer deutschen Übersetzterin, die uns die ganze Zeit begleitete, direkt ins Gesicht und hat somit sein Schicksal selbst besiegelt.

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Sehr aufgeregende Tage, die wir im Dschungel erlebten! Ich bin sehr dankbar für diese Erfahrungen und wieder mal fasziniert von Kolumbiens Viefalt.

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Weisheit des Tages: im Dschungel kann man schonmal an seine eigenen Grenzen stoßen, ob durch unheimliche Tiere, ungewohnte Situationen oder körperliche Anstrengung. Wenn man die aber erst einmal überwunden hat, wird einem eine neue Welt offenbart!

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Drei Jahre Kolumbien und so viel Heimat

– 87 Tage nach der Ankunft –

Vor drei Tagen, am 17. Oktober, war ein für mich ganz besonderer Tag. Genau drei Jahre ist es her, dass ich das erste Mal kolumbianischen Boden betreten habe. Wenn ich das so schreibe, erschreckt es mich ein wenig, wie viel Zeit doch vergangen ist! Drei Jahre ist dieses Land schon ein ganz besonderer Teil von mir. Ich bin so glücklich, dass ich damals meine Vorurteile und Bedenken überwunden habe und mich dazu entschieden habe, die große Reise anzutreten.

In drei Jahren passiert viel! Ich habe mich sehr entwickelt und Kolumbien und die Erfahrungen, die ich hier gemacht habe, hatten großen Anteil daran. Auch im Land hat sich viel verändert. Seit 2016 ist der Friedensvertrag mit der FARC in Kraft getreten und Kolumbien entwickelt sich immer weiter. Seit drei Jahren verfolge ich mit, was in diesem einzigartigen Land passiert und das, obwohl ich vorher nicht einmal genau wusste, wo in Südamerika es liegt und was dort eigentlich passiert.

Ich bin demasiado feliz (unglaublich glücklich), dass ich die Möglichkeit habe, nochmal für längere Zeit hier zu leben und eine andere Seite Kolumbiens kennenzulernen. Durch das Auslandssemester habe ich sehr viel über die Politik, Gesellschaft und Strukturen in Kolumbien gelernt. Ich genieße das Leben in Bogotá sehr und jetzt, wo die Halbzeit anfängt (nein!), kommt die Panik auf. Nur noch drei Monate und ich muss Kolumbien schon wieder verlassen 😦

Vor zwei Jahren als mein Freiwilligendienst zu Ende war, habe ich mir fest vorgenommen nochmal in Kolumbien zu leben und diesen Traum erfülle ich mir gerade. Nach drei Monaten in Bogotá bin ich voll und ganz angekommen. Trotzdem habe ich nach wie vor eine starke Bindung zu Tunja. Kolumbianer*innen schmunzeln immer, wenn ich erzähle, dass ich in Tunja gelebt habe. „Tunja? Warum ausgerechnet Tunja?“
Mindestens einmal im Monat verlasse ich über das Wochenende Bogotá, um nach zwei Stunden grüner Bergfahrt in der Kleinstadt anzukommen und ein Stück zuhause zu fühlen. Jedes Mal, wenn ich nach Tunja fahre, spüre ich Freude im ganzen Körper. Wenn ich dann meine Gastfamilie und meine Nachbarn in die Arme schließe, merke ich ganz tief in mir drin: das ist ein Stück Heimat. Ich bin sehr dankbar, dass meine Gastfamilie mich jedes Mal wieder mit los brazos abiertos (offenen Armen) empfängt.

In dieser Stadt habe ich so viel erlebt, so viel gelernt. Auch wenn es vielleicht nicht viel zu tun gibt, genieße ich die Zeit mit Freunden und Familie, komme runter vom bogotaner Großstadtchaos, laufe durch die steilen Straßen im centro und frage mich, wie oft ich diese Wege schon gegangen bin. Hier treffe ich auf Straßenhunde, die sich in Gruppen versammeln und neugierig zu mir schauen. Nicht selten laufe ich jemandem über den Weg, den ich kenne und lange nicht mehr gesehen habe. In der ruhigen Stadt ist immer Zeit für einen Plausch. In Tunja kann ich meine Batterien wieder voll aufladen. Der Spaziergang in die umliegenden Berge mit Aussicht auf die ganze Stadt darf dabei nicht fehlen.

Vor einiger Zeit hätte ich niemals geglaubt, dass ich wieder hier sein würde und so oft ich möchte zu meiner zweiten Heimat fahren kann. So richtig bewusst wird mir das, wenn ich in der Küche sitze, während meine Gastmutter am rumwerkeln ist und wir uns über alles Mögliche unterhalten. Dann wird mir bewusst, das ist das, wonach du dich die letzten zwei Jahre gesehnt hast. Wieder in die zweite Heimat kommen und das Leben genießen.

Jedes Mal, wenn ich in Kolumbien bin, frage ich mich, was es ist, das mich so glücklich macht. Hier fällt es mir leicht unbeschwert zu leben. Es ist so leicht, eine gute Zeit zu haben mit Freunden oder auch alleine. Warum kann ich mich in Deutschland nicht so glücklich fühlen? Was für Hintergedanken beschäftigen mich dort, die mich davon abhalten?
Das Lebensgefühl hier ist ein anderes für mich. Die alegría (Lebensfreude) und Sorglosigkeit, die ich mit jedem Atemzug einzuatmen scheine. In Deutschland scheint jedes kleinste Problem grave (schwerwiegend). Ich kann mir wohl nicht vorstellen, für immer hier zu bleiben, aber es sind Erfahrungen, die ich hier mache, die mir zeigen, wie man das Leben genießt.
Es ist wahrscheinlich das, was mich an Kolumbien und seinen Menschen am meisten beeindruckt und fasziniert. Kolumbien ist gewiss weit davon entfernt perfekt zu funktionieren (was ist schon perfekt?), aber trotzdem packt mich die Lebenseinstellung jedes Mal, die ich dann auf mich anwende. Das ist wohl der Grund, warum ich mich in Kolumbien, vor allem in Tunja, immer zuhause fühlen werde.

Weisheit des Tages: in drei Jahren ist mir Kolumbien sehr ans Herz gewachsen und ich habe unheimlich viel über mich und mein Leben gelernt.

Studierendenstreik in ganz Kolumbien

– 82 Tage nach der Ankunft –

In Kolumbien ist gerade einiges los! Mit dem Präsidentschaftswechsel Anfang August habe ich das auch nicht anders erwartet. Kolumbiens Studierende versammelten sich am Mittwoch, den 10. Oktober auf den Straßen, um für ihr Recht auf Bildung zu kämpfen.
Iván Duque, der neue rechts-konservative Präsident Kolumbiens, möchte mit dem Geld da sparen, wo es am Nötigsten ist: im Bildungsbereich. Mir erschien es schon immer ein wenig merkwürdig, dass Studierene der öffentlichen Universitäten einen höheren Semesterbeitrag zahlen, als ich in vier Semestern insgesamt. Während an den Privatunis ein bestimmter Betrag für die carreras (Studiengänge) festgelegt ist, richtet sich dieser an staatlichen Unis nach den Gehältern der Eltern. So kann ein Semester an der Nacional auch schonmal 3.000.000 Pesos (ca. 900€) kosten. Erstaunt zeigen sich die Studierenden dann, wenn ich ihnen erzähle, dass ein Semester an meiner Uni rund 250€ inklusive Transport, der in Deutschland teuer ist, kostet.

Duque, escuche, el pueblo despertó
Agarre el presupuesto y denos financiación

Duque, hör zu, das Dorf ist aufgewacht
Klammer dich an den Finanzplan und gib uns die Finanzierung

Da fängt es also schon an. Die vermeintlich öffentlichen Universitäten sind nicht kostenlos und somit nicht allen zugänglich. Nun stelle man sich einmal vor, dass diese Universitäten auch noch privatisiert werden. Studieren wäre somit ein Privileg und kein Recht, wie es selbstverständlich sein sollte.

Si los derechos que yo tengo no los tienen los demás, no son derechos, son privilegios.

Wenn die Rechte, die ich habe, andere Personen nicht haben, dann sind es keine Rechte, sondern Privilegien.

 

Viva la U ¡Viva!
Viva la U ¡Viva!
Viva la Universidad
No la dejés ¡No! No la dejés ¡No!
No la dejés privatizar

Es lebe die Uni! Lebe!
Es lebe die Uni! Lebe!
Es lebe die Universität
Lasst sie nicht, nein, Lasst sie nicht, nein
Lasst sie nicht privatisieren

Um einmal zu den Fakten zu kommen: momentan fehlen 3,2 Billionen Pesos (ca. 1.000.000.000) für Gehälter von Angestellten der öffentlichen Universitäten und 15 Billionen Pesos in der Infrastruktur, das sind satte 4.500.000.000€. An der Nacional merkt man, dass dieses Geld fehlt. Viele Gebäude sind schon seit Jahren einsturzgefährdet, das Gebäude der Bellas Artes ist schon lange gesperrt und das von Architektur existiert gar nicht erst. Duque möchte das Geld lieber in die Verteidigung des Landes stecken und kürzt leichterhands in der Bildung. Hängen bleibt das an den Mitarbeitenden und Studierenden der öffentlichen Universitäten. Ich habe viele Kolumbianer*innen kennengelernt, die nicht studieren können, da sie sich keine private Uni leisten können und es mittlerweile nahezu unmöglich ist an die beliebten Plätze der öffentlichen Unis heranzukommen. Beispiel: in Diseño Gráfico gibt es pro Semester 30 Plätze für die Besten des Landes. Auf diese 30 Plätze bewerben sich Tausende.

¿Y dónde está La Nacho?, ¿La Nacho dónde está?

La Nacho está en las calles haciéndose escuchar

Und wo ist die Nacho? Die Nacho, wo ist sie?

Die Nacho ist in den Straßen und macht sich hörbar

Für das Jahr 2019 sollen alle öffentlichen Universitäten insgesamt 4,3 Billionen Pesos erhalten. Studierende fordern jedoch 15 Billionen Pesos, um das Defizit der letzten 20 Jahre aufzuholen.  Seit 1992 erhalten die Universitäten nur einen Teil von dem, was sie eigentlich bräuchten. Unis sehen die Privatisierung als bald einzige Möglichkeit sich zu finanzieren. Die Studierendenzahlen sanken dadurch in den letzten 26 Jahren stark.

Schon in den letzten Wochen sammelten sich die Studierenden um die marcha vorzubereiten. Vor einer Woche traf sich meine Fakultät – facultad de artes – um die Forderungen durchzugehen und klar zu formulieren. Überall wurden Plakate gebastelt und T-Shirts per Hand bedruckt, die am Mittwoch getragen wurden.

32 öffentliche und 28 private Universitäten nahmen teil an der marcha. Kolumbienweit gingen 450.000 Menschen auf die Straßen, um für ihr Recht auf Bildung zu kämpfen. In Cali, Medellín, sogar Tunja, Bogotá und vielen weiteren Metropolen versammelten sich Studierende, Dozierende und weitere Betroffene auf den Straßen. Um 11 Uhr versammelten sich die Studierenden der Nacional mit Schildern, Plakaten und Sprüchen auf dem Hauptplatz, der Plaza Che, um dann vier Stunden bis ins Centro auf die Plaza Bolívar zu marschieren. Straßen wurden gesperrt und keine transmilenio fuhr mehr in dem Zeitraum. Je näher wir dem Centro kamen, auf desto mehr Universitäten stießen wir, unter anderem auch die großen Privatunis der Stadt Los Andes und die Javeriana, die die öffentlichen Unis im Protest unterstützen. Über uns kreiste ein News-Hubschrauber, der die Dimensionen der Menschenmasse sichtbar machte.

¿Quién es usted? – Soy estudiante
No lo escuché – Soy estudiante
Una vez más – Soy estudiante

Soy, soy estudiante, yo quiero estudiar, para cambiar la sociedad, ¡Vamo‘ a la lucha!

Wer bist du? – Ich bin Student*in
Ich habe es nicht gehört – Ich bin Student*in
Noch einmal – Ich bin Student*in

Ich, ich bin Student*in, ich will studieren, um die Gesellschaft zu verändern, wir gehen in den Kampf!

Ich lasse einige Fotos sprechen:

Auf der Plaza Bolívar angekommen, schon mit Halsschmerzen und steifen Beinen, hörten wir eine Rede des linksliberalen Präsidentschaftskandidaten und Zweitplatzierten Gustavo Petro. Ich habe mich sehr gefreut ihn en vivo (live) zu sehen und zu hören. Gleichzeitig macht es mich auch traurig, da ich mich frage, was gewesen wäre, wenn er die Präsidentschaftswahl gewonnen hätte.

Ich war erstaunt, wie ruhig die Demonstration ablief. Ich habe mit Steinen und anderen Dingen gerechnet, aber es war sehr friedlich. Merkwürdigerweise haben wir die Polizei kaum zu Gesicht bekommen. Ob die sich bei den Massen nicht getraut haben? Ich habe von keinem Zwischenfall mitbekommen. In den Tagen danach habe ich jedoch bei Facebook gesehen, wie sich Fake News über das Event verbreiteten. Linksextreme Gruppen, die gewaltvoll gegen die Regierung aufhetzen. Bilder von Vandalismus und vermummten Gruppen, die mit papabombas durch die Straßen ziehen. Plakate, die die Legalisierung von Drogen fordern. Von all dem habe ich NICHTS mitbekommen und ich bin mir nicht mal sicher, ob die Fotos überhaupt aktuell waren. Es schockierte mich, wie Rechts-Konservative so etwas Wichtiges, wie die #marchaporlaeducación (Marsch für die Bildung) zu so etwas missbrauchen können.

Auch wenn ich mich nur für ein Semester an der Nacional befinde, wollte ich Solidarität zeigen und die Studierenden unterstützen. In einem Land wie Deutschland, in dem die öffentliche Bildung gesichert ist, musste ich mir nie Sorgen um meine Bildung machen. Ich war sehr berührt, wieviele Menschen mit so viel Herz dabei waren und dachte darüber nach, warum in Deutschland so etwas in dem Ausmaß nicht passiert. Nach einigen Überlegungen bin ich zu dem Schluss gekommen, dass wir eben doch sehr privilegiert leben. Bildung ist ein Grundrecht in Deutschland, das (fast) allen zur Verfügung steht. Ich habe bisher von keiner Uni in Deutschland gehört, die starke finanzielle Schwierigkeiten hat, da die Universitäten sehr vom Staat unterstützt werden. Auch wenn einiges verbessert werden könnte, sehen viele nicht den Grund dafür auf die Straße zu gehen und zu demonstrieren. So schlimm ist es dann doch wieder nicht.

Bis zum 21. Oktober gehen die Unis mindestens in den Streik. Bis dahin haben wir keinen Unterricht. Möglich ist, dass der Streik verlängert wird. Das kann bedeuten, dass die fehlenden Wochen an das Semesterende im Dezember oder Januar rangehangen werden. Ich bin gespannt, wie sich alles entwickelt!

Weisheit des Tages: Bildung ist ein Grundrecht, das jedem Menschen dieser Welt zustehen sollte. In Kolumbien tun die Studierenden, Dozierenden und anderen Mitarbeitenden gerade alles daran, dass das in diesem Land umgesetzt wird.

Traumurlaub auf San Andrés und Providencia

– 67 Tage nach der Ankunft –

Ein spontaner Traumurlaub in der Karibik. Auch das gehört wohl zum Auslandssemester in Kolumbien dazu. Wie angekündigt kommt heute ein Beitrag über meine fünftägige Reise auf die Inseln San Andrés und Providencia während der semana universitaria.
Nicht umsonst ist das Wasser um San Andrés und Providencia als el mar de los siete colores bekannt. Von dunkelblau über türkisfarben bis hellblau sahen wir die schönsten Färbungen des Wasser. Weißer, feiner Sand unter den Füßen, über uns ein Meer aus dichten Palmen an den Kokosnüsse wachsen, aus denen wir Coco Loco tranken während um uns das Rauschen des Meeres und die sanften Beats der Reggae-Musik zu hören waren. Pastellfarbene Sonnenuntergänge mit gefärbten Wolken, die aussahen als wären sie gemalt.

San Andrés ist wohl eines der beliebtesten Reiseorte Kolumbiens und obwohl während meines Freiwilligendienstes fast alle Freiwillige die Insel besuchten, bin ich nie dazu gekommen. Eine Insel mitten in der Karibik, 12 Kilometer lang und 3 Kilometer breit mit ca. 72.000 Einwohner*innen. Obwohl San Andrés nur 190 Kilometer von der nicaraguanischen Küste entfernt ist, gehört es zu dem 770 Kilometer entferntem Kolumbien, worauf viele Kolumbianer*innen sehr stolz sind. Die Inselbewohner*innen sehen das meist jedoch anders und einige sehnen sich nach Unabhängigkeit von Kolumbien. 90 Kilometer nördlich von San Andrés befinden sich Providencia und Santa Catalina, zwei weitere Inseln, die wesentlich weniger touristisch sind. Dort verbrachten wir den Großteil unserer Zeit und genossen einige Tage die Natur und Vielfalt der Karibik.

Von Bogotá aus flog ich am Sonntag zwei Stunden nach San Andrés und wurde von der tropischen Hitze erschlagen, auch wenn es schon 20 Uhr war, als ich ankam. Um nach San Andrés zu reisen, muss man eine „Tourist Card“ kaufen, die 110.000 Pesospro Person kostet (ca. 33€). Spannend wurde es, als ich nach einer überteuerten Taxifahrt (Taxi fahren auf San Andrés ist sehr teuer!) vor einem verlassenen Haus stand, das mein Hostel sein sollte. Nach langem Hin und Her stellte sich heraus, dass das Hostel umgezogen war, worüber ich allerdings nicht informiert wurde. Von einer kolumbianischen Familie, die mir bei der Suche half, wurde ich eingeladen bei ihnen zu übernachten, falls ich das Hostel nicht finden würde – also auch auf der Insel kolumbianische Gastfreundlichkeit und Hilfsbereitschaft.
Am nächsten Tag fuhr ich mit der Fähre drei Stunden nach Providencia, wo ich schon von meinen drei Mitreisenden erwartet wurde. Ich kannte zwar vor der Reise nur eine Person von den dreien und hatte sie erst eine Woche vorher über eine Freundin kennengelernt, aber genau das sind die spontanen, schönen Erlebnisse, die das Leben aufregender machen. Zu viert waren wir ein tolles Team und verstanden uns von Anfang an.

Untergekommen sind wir in einem Haus, das seit einer Woche ein Hostel werden sollte, dementsprechend waren wir die ersten Gäste und wurden sehr herzlich aufgenommen. Das Haus, direkt am Wasser, bot eine wunderschöne Aussicht. Kaum zu glauben, dass die Landschaften von Windowshintergrundbildern existieren.

Wir waren uns alle einig, dass wir keinen kompletten Strandurlaub, sondern auch die Umgebung erkunden wollten.
Am ersten Tag unternahmen wir eine Bootstour, bei der wir an verschiedenen Stellen schnorchelten. Obwohl das Wasser mehrere Meter tief war, konnte man bis auf den Grund sehen, so klar war es. Vom Boot ins Wasser gesprungen, konnte ich es nicht glauben, dass ich mich mitten im Ozean befand, das nächste Festland mehrere hundert Kilometer entfernt. Unter Wasser schwammen wir zwischen bunten Fischen und verschiedenen, bemusterten Korallen. Die Unterwasserwelt wirkte wie eine Parallelwelt auf mich und ich wollte gar nicht mehr auftauchen. Sogar eine Schildkröte habe ich gesehen, der ich ewig in ihrer natürlichen Lebensraum hätte zuschauen können.
Von einer kleinen Insel aus sahen wir das Meer von oben. Die verschiedenen Blautöne wirkten fast surreal.

Am nächsten Morgen standen wir um 3 Uhr auf, um den Sonnenaufgang von El Pico aus zu sehen, dem höchsten Punkt (360 Meter) mitten auf der Insel. Mit der hohen Luftfeuchtigkeit, der sich schon um die Uhrzeit aufbauenden Hitze und dem Aufsteigen des Berges, waren wir klitschnass als wir nach eineinhalb Stunden oben ankamen. Was wir zu sehen bekamen, war unglaublich. Um uns herum grüne, bewachsene Hügel. Weiter entfernt konnte man das türkisfarbene Wasser erkennen. Die Insel von oben ist traumhaft schön. Mich hätte es nicht gewundert auf einmal Langhälse und andere Dinosaurier zu sehen. Das Szenario erinnerte mich sehr an „Jurassic World“ oder „In einem Land vor unserer Zeit“.
Überrascht wurden wir vom starken Regen, der einmal über die Insel zog und uns noch nasser hinterließ. Das war jedoch schnell vergessen, als die Sonne sich zeigte.

Am selben Tag mieteten wir ein Golfcar mit dem wir den restlichen Tag Beach hoppten. So konnten wir die vier verschiedenen Strände der Insel erkunden und nach einem starken Coco Loco vom Barmann Rocko, wirkte alles noch surrealer und schöner. Von an Palmen befestigten Schaukeln sprangen wir ins klare Wasser. Während wir dann im Wasser lagen, den (viel zu starken) Coco Loco aus einer Kokosnuss schlürften und die Reggae-Beats im Hintergrund zuhörten, wurde uns bewusst, was für ein Privileg es ist, einen solchen Moment erleben zu dürfen.

Am letzten Tag auf Providencia liefen wir über die Brücke nach Santa Catalina, einer weiteren Insel. Dort verbrachten wir die letzten Stunden, eh wir mit der Fähre, die dieses Mal starken Wellengang hatte (was sich auf die Stimmung und das Wohlbefinden der Mitreisenden auswirkte) nach San Andrés fuhren.

In San Andrés ließen wir den gelungen, erlebnisreichen Kurzurlaub mit einem Abend im Restaurant und am Strand ausklingen, eh wir am nächsten Tag zurück nach Bogotá reisten.
Ich hätte noch einige Tage im karibischen Paradies bleiben können. Angekommen in Bogotá merkte ich jedoch, wie sehr sich die kolumbianische Großstadt schon nach zuhause anfühlt, so dass ich gar nicht so traurig über die Rückkehr war.
Das Wochenende verbrachte ich noch in Tunja mit meiner Gastfamilie und einigen Freunden, die ich lange schon nicht mehr gesehen hatte.

Es war ein traumhafter Kurzurlaub, den ich in freundlicher Gesellschaft mit tollen neuen Eindrücken und Erfahrungen erlebte. Dem karibischen Flair kann sich wohl niemand entziehen 😀

Weisheit des Tages: Spontanität ist eine der aufregendsten Dinge im Leben. Durch Offenheit in vielen Situationen haben sich mir schon so tolle Gelegenheiten geboten!

Studieren an der UNAL in Bogotá

– 53 Tage nach der Ankuft –

Seit einem Monat läuft der Unterricht an der Uni schon und ich bin erstaunt, wie schnell die Zeit vergeht! Wie damals in Tunja bekomme ich hier ein paradoxes Verhältnis zur Zeit. Einerseits kann ich es nicht glauben, dass ich schon seit fast zwei Monaten in Kolumbien bin, andererseits passieren so viele interessante Dinge, dass die Zeit zu rasen scheint.
Mittlerweile habe ich mich sehr gut eingelebt und genieße das Großstadtleben in Kolumbiens bunter Hauptstadt.

Ab morgen ist die semana universitaria. In der Woche finden keine Kurse statt und ich habe mich spontan entschieden nach San Andrés und Providencia zu fliegen. Mehr dazu kommt in einem anderen Beitrag.
Die ersten vier Wochen in der Uni sind also geschafft. Ich habe viele neue Eindrücke und Erfahrungen gesammelt, interessante Sachen gelernt und spannende Menschen kennengelernt mit denen ich noch spannendere Gespräche geführt habe.

Die Universidad Nacional de Colombia, abgekürzt UNAL oder von Studierenden auch liebevoll Nacho genannt, wurde 1867 mit sechs Studiengängen gegründet und ist somit die erste öffentliche Universität Kolumbiens. Sie gilt als eine der größten und renommiertesten Universitäten nicht nur Kolumbiens, sondern auch gesamt Lateinamerikas. Neben dem Hauptcampus in Bogotá gibt es sedes in Medellín, Manizales, Leticia, Palmira, Tumaco, San Andrés und Arauca.
Im Gegensatz zu vielen Universitäten in Deutschland, sind alle Fakultäten auf einem Campus vereint. Die Uni hat drei verschiedene Haupteingänge und um von A nach B zu kommen, braucht es schon einmal 20 Minuten Fußweg. Der Campus hat viele Grünflächen, auf denen sich Studierende versammeln, mehrere Cafeterien, Restaurants und Plätze, wobei der Plaza Che wohl der bekannteste ist, benannt nach dem Revolutionär Che Guevara. Regelmäßig finden dort Veranstaltungen statt.

Im Vergleich zu anderen angesehenen Universitäten in Bogotá, wie Los Andes oder Javeriana, merkt man, dass die UNAL keine Privatuni ist. Einige Gebäude wurden shcon seit Jahren nicht mehr renoviert; ich habe schon einige Male von kaputten, einsturzgefährdeten Dächern gehört, so dass das Gebäude von Bellas Artes (Schöne Künste) momentan nicht genutzt werden kann und Architektur ironischerweise gar kein Gebäude hat. Andere Fakultäten sind besonders schön wie beispielsweise das Gebäude von Enfermería (Krankenpflege) und Ciencas Humanas (Sozialwissenschaften).
Besonders gefallen mir die vielen murales und Graffitis, die überall zu entdecken sind. Graffiti hört sich nach Schmiererei an, dabei handelt es sich dabei um kleine Kunstwerke. Ich werde mich mit meiner Kamera mal auf den Campus begeben und einige einfangen. Was mich so fasziniert, ist das politische Bild, das sich in den Schriftzügen und Zeichnungen wiederfinden. Bedeutende historische Personen und Ereignisse werden geehrt, beispielsweise der Komödiant Jaime Garzón, der 1999 aufgrund seiner politischen, gesellschaftlichen Kritik ermordet wurde.
Im Rahmen der Uni wollte ich mich noch ausführlicher mit Graffiti als politisches, urbanes Medium beschäftigen und schreibe gerne darüber ausführlicher.

Auf dem Campus gibt es also immer Neues zu entdecken und täglich warten neue Überraschungen. Jeden Donnerstagabend ist beispielsweise auf dem gesamten Campus Musik zu hören von Salsa bis Reggaeton, es gibt trago (Alkohol) zu kaufen und überall tanzende, sich unterhaltende Studierende. Wie ich erfahren habe, wird die Uni freitags schon 17 Uhr zugemacht, weil die Partys am Freitag auf dem Unigelände stattfanden, „eskaliert“ sind. Deshalb gibt es jetzt den juernes (jueves + viernes), ein Wortmix aus Donnerstag und Freitag, was bedeutet dass die Freitagsparty auf den Donnerstag verschoben wurde und Studierende sich treffen, tanzen und feiern.

Mittlerweile finde ich mich auf dem Campus ganz gut zurecht, nachdem ich mich in der ersten Zeit das eine oder andere Mal verlaufen habe oder im Kreis lief.
Ich besuche materias (Fächer) aus den carreras (Studiengängen) Cine y Television und Diseño Gráfico. Während das Gebäude für Grafikdesign 10 Minuten von mir zuhause entfernt ist (direkt am Eingang Calle 26), ist Kino und Fernsehen das Gebäude, was am weitesten entfernt ist.
Dieses Semester habe ich vier materias. Für mich genau richtig, ich bin gut ausgelastet, aber komme gut mit im Stoff. Insgesamt habe ich mir eine bunte Mischung von Fächern ausgesucht:

  1. Historia de Diseño en Latinoamerica:
    Geschichte des Designs in Lateinamerika ist einer meiner Lieblingskurse. Neben den künstlerischen Strömungen in Lateinamerika des 19. und 20. Jahrhunderts, lernen wir auch die geschichtlichen und politisch-sozialen Zusammenhänge. Besonders gut gefällt mir, dass der Fokus dabei nicht nur auf Kolumbien liegt, sondern wir mehrere Länder behandeln, vor allem Mexiko, Brasilien, Argentinien, Kuba und Chile. Meine profe ist aus Kuba, wodurch sie einen ganz anderen Blick auf die Geschichte mitbringt, als es eventuell Kolumbianer*innen tun würden.
  2. Estética y teoría de la imagen:
    Ästhetik ist für mich mit Abstand der schwierigste Kurs. Im vorletzten Semester hatte ich bereits eine Vorlesung und ein Seminar über Ästhetik in Deutschland. Schon auf deutsch war es schwierig sich durch die philosophischen, abstrakten Texte zu kämpfen. Obwohl wir hier Texte von hauptsächlich europäischen Schriftsteller*innen lesen, die ich teilweise schon kenne, fällt es mir sehr schwer auf Spanisch darüber zu philosophieren, was Bewusstsein, Wahrnehmung und Ästhetik sind. Ein bisschen beruhigt es mich zu sehen, dass meine kolumbianischen compañerxs (Mitstudierende) auch mit leerem, verzweifelten Blick den profe ansehen.
  3. Producción en medios digitales:
    Der Kurs, der sich am Spannendsten anhörte, wurde zum Langweiligsten für mich. Erwartet habe ich Medienproduktion in verschiedenen Bereichen digitaler Medien, die wir erlernen. In Wirklichkeit ist es ein Programmierkurs, in dem wir mit HTML und CSS eine Website programmieren sollen. Einen ähnlichen Kurs besuchte ich bereits in Potsdam. Daher weiß ich schon: programmieren kann Spaß machen, wenn man erst einmal anfängt. Leider reden und reden und reden wir nur im Kurs und nicht einmal über das Programmieren. Teilweise lässt uns der profe Texte über gelungene User Designs lesen oder er redet eine halbe Stunde lang über seine kleine Tochte. Bei dem Kurs warte ich immer noch, dass er so richtig anfängt.
  4. Iniciación a los estudios feministos y género:
    Der feministische Kurs ist einer meiner liebsten Kurse! Jede Stunde behandeln wir neue spannende Themen, die mir persönlich sehr wichtig sind, wie Sexualität, soziale Genderkonstrukte und Unterdrückung von Frauen. Das ist der einzige Kurs, den ich an einer anderen Fakultät als der facultad de artes (Künstlerische Falkultät) besuche. Er gehört zu Ciencias Humanas (Sozialwissenschaften). Ich wollte von vornherein gerne einen politischen und/oder feministischen Kurs belegen und dieser ist genau richtig! Interessant ist auch, dass Studierende aus den verschiedensten carreras zusammenkommen, die alle einen anderen fachlichen Blick auf die Themen mitbringen. In diesem Kurs haben wir diverse Diskussionen und ich bekomme viel interessanten Input.
    Da Feminismus (für mich) ein wichtiges Thema ist, freue ich mich, dass ich einen Einblick in den Feminismus in Kolumbien erhalte.

Das sind also die vier Kurse, die ich an der UNAL besuche.
Ich war teilweise erstaunt, wieviele Parallelen es zu meinem Studiengang in Deutschland gibt. Deshalb finde ich es aufregend zu sehen, wie die gleichen bis ähnlichen Inhalte mit lateinamerikanischem Bezug gelehrt werden. Einen solchen Perspektivwechsel finde ich sehr bereichernd sowohl für mich privat, als auch für einen akademischen Kontext.

Für fast jeden Kurs müssen viele Texte gelesen werden. Anfangs fiel es mir schwer auf Spanisch zu lesen, da ich das nicht gewohnt war. Je mehr Texte ich lese, desto leichter fällt es mir und ich bin doch schnell ins Spanischlesen reingekommen.
An der Uni gibt es Anwesenheitspflicht. Wenn man in einem Kurs mehr als dreimal fehlt, ist man raus. Das erscheint mir ziemlich hart, da wir in Deutschland an meiner Uni keine Anwesenheitspflicht haben.
Um einen Kurs zu bestehen, muss man Verschiedenes tun. Neben der Unterrichtsbeteiligung gehören aus exposiciónes (Vorträge, beziehungsweise Unterrichtsvorbereitung), schriftliche Zusammenfassungen über Texte, die gelesen werden sollten, ensayos (Essays) und gerade bei Grafikdesign andere kleine Arbeiten, wie beispielsweise eine revista (ein Magazin), das wir in Geschichte in Gruppen erstellen.
Eine exposición im feministischen Kurs habe ich schon hinter mir. In einer 3er-Gruppe haben wir eine dreistündige Unterrichtseinheit gestaltet über die Frage, ob das Geschlecht biologisch oder doch eher eine soziale Konstruktion ist.
Die Unterrichtsdauer ist abhängig von den Credits, die ein Kurs wert ist. Alle meine Kurse dauern vier Stunden, die entweder auf zwei Blöcke auf die Woche verteilt stattfinden, oder als eine Vier-Stunden-Einheit. Montags habe ich frei, dienstags und donnerstags von 9-11 und 14-18 Uhr, mittwochs und freitags nur von 11-13 Uhr. So habe ich genug Zeit mich auf die Kurse vorzubereiten und trotzdem noch etwas vom Unileben mitzubekommen.

Das war ein kleiner Einblick in das Unileben, was ich hier führe. Bald kommen noch mehr Fotos von der Uni, den Graffitis und natürlich auch von meiner Umgebung und dem vielfältigen Bogotá.
Über Fragen, Anregungen und Vorschläge für weitere Blogbeiträge freue ich mich sehr 🙂

Weisheit des Tages: Studieren im Ausland ist für mich ein vielseitiger Perspektivwechsel, bei dem ich viel über mich, meine deutsche Uni und die UNAL lerne.

Richtiger Start ins Bogotáner Auslandssemester

– 14 Tage nach der Ankunft –

Muchos Saludos desde Bogotá!
Es ist wieder so weit, ich bin zurück in Kolumbien und es könnte nicht besser laufen 🙂
Vor genau zwei Wochen bin ich angekommen und seitdem ist einiges passiert.

Heute wollte ich ein bisschen über meine Reisevorbereitungen und den richtigen Start ins Auslandssemester in Bogotá schreiben. Vielleicht findet die eine oder der andere ein paar hilfreiche Tipps für eine kommende Reise.

Ich habe mich vor über einem Jahr an meiner Uni für ein Auslandssemester in Bogotá beworben. Für mich stand seit meinem Jahr in Tunja fest, dass ich nochmal für längere Zeit in Kolumbien leben möchte und welche Stadt ist dafür besser geeignet als die vielseitige, chaotische Hauptstadt? Die Universidad Nacional de Colombia, für die ich mich entschieden habe, da es eine Kooperation zwischen meiner Uni und dieser gab, hat insgesamt 9 sedes, unter anderem in Medellín, Leticia und auf San Andres. Über die UNAL, wie sie hier genannt wird, erfahrt ihr in einem anderen Blogeintrag mehr.
Für die Bewerbung brauchte ich einige Dokumente, Empfehlungsschreiben einer dozierenden Person und auch ein Sprachzertifikat. Mit dem Nominierungsschreiben meiner Uni konnte ich mich dann ab Februar bei der Universidad Nacional de Colombia bewerben. Auch da brauchte ich wieder allerhand Dokumente, aber die Bewerbung war online schnell abgeschickt.
Eine Zusage der Uni in Bogotá erhielt ich erst Ende Juni. Ich dachte schon, das ich nicht für ein Auslandssemester zugelassen worden wäre, aber es hat sich bei mir einfach alles ein bisschen hingezogen. Das ist abhängig von der facultad bei der man ist, in meinem Fall facultad de artes.
Umso aufregender und stressiger war dann die letzte Zeit in Deutschland. Am 25. Juni buchte ich meinen Flug für den 25. Juli. Für mich ein schönes Zeichen, da ich am 25. Juni drei Jahre zuvor erfuhr, dass ich einen Freiwilligendienst in Tunja absolvieren würde.

Für die letzte Zeit stand dann einiges an:

  • Semester in Deutschland fertig machen (letzte Projekte, Vorträge, Hausarbeiten abgeben)
  • Flug buchen
  • Visum beantragen
  • Bewerbung für Stipendium
  • Bewerbung für das Auslandssemester in Chile
  • Urlaubssemester beantragen
  • Arbeit kündigen
  • wichtige Dokumente digitalisieren und abspeichern (Reisepass, Impfausweis, Leistungsscheine, Acceptance Letter der Uni, …)
  • Packliste anfertigen, Reiserucksack kaufen, letzte Besorgungen, Termin mit der Hausärztin um Medikamentenvorrat aufzustocken
  • Bank- und Finanzsachen „ordentlich hinterlassen“ (wichtig für mich war eine iTan für Überweisungen, da ich mein deutsches Handy in Südamerika nicht benutze)
  • Versicherungen (Auslands-, Kranken-, Haftpflichversicherung)
  • Wohnungssuche in Bogotá
  • und natürlich Zeit mit Famile und Freunden verbringen

Visum
Für 90 Tage darf man als Tourist*in ohne Visum nach Kolumbien einreisen. Wenn man sich dann entscheidet länger zu bleiben, besteht die Möglichkeit, den Aufenthalt um weitere 90 Tage zu verlängern. Nach 180 Tagen muss man aus Kolumbien ausreisen. Ich habe mich entschieden bei der Botschaft in Berlin ein Visum zu beantragen, da ich noch nicht genau weiß, bis wann ich in Kolumbien bleibe. Dieses gilt für ein Jahr. Für Kolumbien darf man das Visum erst frühstens zwei Monate vor Einreise beantragen. Das habe ich beim letzten Mal nicht beachtet und musste dann die Bearbeitungsgebühr doppelt bezahlen.
Insgesamt hat mich das Studierendenvisum ca. 60€ gekostet. Für das Visum brauchte ich den Nachweis über das Auslandssemester, Reisepass und einen Nachweis über finanzielle Sicherheit.
Für eine längere Zeit im Ausland empfehle ich sich bei ELEFAND einzutragen. Das ist die Elektronische Erfassung von Deutschen im Ausland des Auswärten Amtes. In Krisen- und Notfallsituationen wird die Familie schnell informiert und das Auswärtige Amt kennt (möglichst) den letzten Wohn- und Aufenthaltsort.

Packliste
Zum Packen kommt nochmal ein extra Beitrag. Mir war dieses Mal wichtig, dass ich so minimalistisch wie möglich packe und nur das Nötigste mitnehme. Während meines Freiwilligendienstes hatte ich einen Koffer, einen Reiserucksack und eine große Handtasche mit. Diesmal beschränkte ich mich auf einen Reiserucksack mit 65 Litern und einen kleinen Rucksack als Handgepäck. Das war mir wichtig, da ich flexibel sein und reisen möchte. Ein Koffer mit Rollen würde mich da ziemlich einschränken.

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Mein kleiner, roter Käfer

Wohnungssuche
Sobald ich wusste, dass ich von der UNAL angenommen war, habe ich alle möglichen Leute, die ich in Bogotá kenne, angeschrieben und gefragt, ob sie von freien Wohnungen und Zimmern gehört haben. Viele haben mir Angebote geschickt oder weitere Kontakte zu Leuten, die Leute kennen, die jemanden kennen.
Ich kann jeder und jedem empfehlen, die eine Wohnung in Bogotá suchen, der Facebook-Gruppe „Bogotá Short Term Rental“ beizutreten. Dort kommen täglich neue Angebote mit freien Zimmern und apartaestudios (kleinen Wohnungen für Studierende). Es ist selbstverständlich, aber bevor man etwas fest macht, sollte man sich die Wohnung unbedingt vorher ansehen. In der Gruppe gibt es auch einige unseriöise Angebote.
Als ich am Flughafen ankam, wurde ich von der Familie einer guten kolumbianischen Freundin abgeholt, die gerade in Karlsruhe wohnt. Die ersten Tage bin ich dort untergekommen und sie haben mir sehr bei der Wohnungssuche geholfen. Zwei Tage lang sind wir die Angebote aus der Facebookgruppe abgelaufen, die anderen Angebote, die ich hatte und es lohnt sich auch durch die Gegend in der Uni zu laufen. Überall hängen Schilder mit Telefonnummern, die noch Zimmer zu vermieten haben. Ich muss ehrlich sagen, dass ich ziemlich schlimme Unterkünfte gesehen habe und schon angefangen habe, mir Sorgen zu machen, dass ich keine schöne Wohnung finden würde. Bäder, die man sich zu fünft teilt, die Küche zu zehnt (Hostelfeeling pur!) oder ein altes, muffiges Haus mit großen Stoffteddybären in jeder Ecke (gruselig!). Es hat ein wenig gedauert, aber dann habe ich die perfekte Wohnung gefunden!
Ich wohne fünf Minuten zu Fuß von der Uni entfernt (nach 2 Jahren Ost-Berlin nach Potsdam pendeln, kann ich es immer noch nicht glauben!) in einem großen conjunto (Wohnkomplex aus mehreren Hochhäusern) mit Park, Fußballfeld, Schule, Theater, Kirche und kleinen Läden. Die Wohnung ist sehr schön eingerichtet und ich teile sie mir mit zwei Mitbewohnern. Mein Mitbewohner ist Filmemacher und hat viele Kameras (die ich auch mal benutzen darf 🙂 ) und meine Mitbewohnerin ist Schmuckdesignerin. Beide sind muy relajados und super lieb! Die Umgebung ist sehr sicher und um mich rum gibt es viele Läden, Studierende und sogar das eine oder andere vegetarische Restaurant.

Abschied von Familie und Freunden
Ein Jahr ist eine lange Zeit. Und gleichzeitig doch nicht. Je näher die Reise anrückt, desto mehr gerät man in das emotionale Chaos. Vorfreude, eventuelle Zweifel, Abschiedsschmerzen. Ein großes Hin und Her.
Dieses Mal fiel mir der Abschied nicht so schwer, wie 2015 als ich nach Kolumbien ging. Dieses Mal wusste ich ein wenig, was mich erwarten würde. Kolumbien ist ein Land, in dem ich schon einige Male war und dessen Sprache ich spreche. Am Flughafen von Bogotá kenne ich mich (nach einigen Malheuren) gut aus und ich weiß, dass es viele Leute gibt, die mir im Notfall helfen würden und die mir wichtig sind. Bogotá ist eine Stadt, in der ich das ein oder andere Wochenende verbracht habe und in der ich mich schon ein wenig orientieren kann. Ich wusste, welche kolumbianische Lebensfreude und Offenheit mich erwarten würde!
Es war für mich auch leichter zu gehen, da ich weiß, dass die Menschen, die mir wichtig sind und denen ich wichtig bin, das ganze Jahr über für mich da sein werden. Sobald ich wiederkomme, ist alles so wie vorher, denn mein Zuhause bleibt immer mein Zuhause, egal, wie lange ich weg bin.

Was in der Einführungswoche und den ersten Tagen in Bogotá und Tunja so passiert ist, berichte ich demnächst.
Nächsten Montag geht die Uni so richtig los und ich bin schon sehr gespannt!

Weisheit des Tages: die Entscheidung in Bogotá zu studieren, fühlt sich nach wie vor richtig an und ich bin froh, hier zu sein!

Ein Zug aus Eis und Feuer

Ich habe etwas getan, was ich immer wieder gerne tue: Neues ausprobieren!

Das Blog-Schreiben macht mir viel Spaß, obwohl ich momentan nicht viel zu berichten habe. Sobald ich wieder in Kolumbien bin, wird sich das jedoch ändern.
Um mal wieder einen anderen Text, als eine Hausarbeit zu schreiben, habe ich mich daran gewagt, eine Rezension zu verfassen, die auf dem Blog der lieben Marie veröffentlicht wurde. Schaut unbedingt bei ihr vorbei. Auf Everything is literary schreibt sie vor allem über Bücher, die sie inspirieren, sodass man direkt Lust bekommt, sie auch zu lesen!

Zu meinem letzten Geburtstag habe ich ein Buch von meinen Eltern geschenkt bekommen, welches ich in den Semesterferien endlich gelesen habe. Während des Semesters muss ich viele Texte für die Uni lesen und genieße es sehr, mich in der „freien Zeit“ mit anderer Literatur zu befassen.

Ein Zug aus Eis und Feuer ist ein Buch, das sehr zu Julumbien passt. Mir hat es so gut gefallen, dass es Gegenstand meiner ersten Rezension wurde.
Einige kennen vielleicht die Band Mano Negra, von der im Folgenden die Rede ist. Ich bin seit der 7. Klasse ein kleiner Fan von Manu Chao und seiner Musik, die wir im Spanischunterricht hörten. Die politischen Texte und unterschiedlichen Genres, die er zusammenmixt, inspiriert durch viele seiner Reisen, faszinieren mich. Weiterlesen

Tunja in Bildern und das große Nostalgieren

Mein geliebtes Tunja in Bildern

Manchmal, wenn die Nostalgie unerträglich wird, schaue ich auf meinem Blog alte Beiträge an. Das ist das Schöne am Blogschreiben. Während meines Freiwilligendienstes diente mein Blog eher dazu euch an meinem kolumbianischen Leben teilhaben zu lassen und jetzt, zwei Jahre später, sind die Beiträge für mich etwas sehr persönliches, Erinnerungen fast wie Tagebucheinträge. Ich lese sie und mir fallen Details ein, an die ich gar nicht mehr gedacht habe. Automatisch habe ich beim Lesen ein Lächeln auf den Lippen und fühle mich in den Moment zurückversetzt.

An meinen Texten merke ich auch, wie ich mich weiterentwickle. Vieles würde ich heute anders schreiben und teilweise habe ich nun andere Blickweisen auf bestimmte Dinge durch verschiedene Erfahrungen, die ich gemacht habe. Aber ich möchte nichts an alten Beiträgen ändern, denn damals wollte ich es so schreiben.

Ich muss zugeben, dass kein Tag vergeht, an dem ich nicht an Kolumbien und meine kolumbianischen Familien denke. Die Kultur, die ich dort erlebt habe, ist ein Teil von mir geworden und manchmal fällt es mir schwer, dass meine zweite Heimat so weit weg ist. Durch Salsa-Partys in Berlin, empanadas kochen oder nostalgische Wein- (manchmal auch aguardiente-) abende mit Frieda versuche ich mir einen Teil Kolumbiens nach Deutschland zu holen. Weiterlesen

Julumbien in Perú und Bolivia (2)

Buenas buenas,

heute kommt direkt der zweite Teil der Südamerikareise. Ich versuche wieder mich kurz zu fassen und die Fotos sprechen zu lassen, von denen es noch mehr als genug gibt.
Es lohnt sich den ersten Teil anzusehen.
Wer mag, kann den Text überspringen und sich nur die Fotos ansehen.

Salzterrassen von Maras und Moray

Nach dem Machu Picchu ging es weiter nach Urubamba , wo wir uns zwei Attraktionen angesehen haben, die recht unbekannt sind, aber sehr empfehlenswert!
Die Salzterrassen von Maras ist die höchstgelegene Salzfarm der Welt und besteht aus mehr als 3.000 Becken. Zu Inkazeiten wurden sie angelegt und sind noch heute in Betrieb. Mittlerweile können sich peruanische Familien Salzbecken mieten, um dann selbst das Salz zu ernten und zu verkaufen.
Aus den Becken, die über eine große Bewässerungsanlage verfügen, entstehen fünf Salzsorten mit unterschiedlicher Qualität (teilweise nicht essbar), die man vor Ort kaufen kann. Während man zwischen den Terrassen entlang läuft, sieht man Menschen arbeiten, die das Salz aus den Becken in große Säcke umfüllen. Teilweise waren ganze Familien da, um zu helfen. Ich konnte es mir natürlich nicht entgehen lassen, das salzige Wasser mit der Fingerspitze zu probieren (bah!).
Die Weite und das Farbenreichtum waren sehr beeidruckend; so weit man sah, umringten uns die Terrassen. Allerdings sollen sie normalerweise schneeweiß sein. Es hatte den Tag, bevor wir kamen geregenet und deshalb waren sie in verschiedensten Brauntönen. Uns gefiel das aber sehr gut. Ein wunderschöner Ort!

Die Terrassen von Moray wurden vor vielen Jahren von den Inkas zur Landwirtschaft genutzt. Das war sehr praktisch, denn auf jeder Terrasse konnte unterschiedliche Nahrung angebaut werden. Wenn sie bewässert wurden, floss das Wasser in den niedrigsten Kreis, wo sich die Produkte befanden, die am meisten Wasser benötigten.
Mich erinnerte die Form der Terrassen in Moray sehr an eine Avocado.

Letzte Stationen vor Bolivien und der Unterschied zwischen Lama und Alpaca

Bevor wir dann die peruanische Grenze verließen, um das Abenteuer in Bolivien fortzuführen, passierten wir noch kleine Orte, eh wir die letzte Nacht in der größeren Stadt Puno verbrachten. Dort erklärte man uns auf Nachfrage, dass viele Häuser unverputzt seien, da man mehr Steuern bezahlen muss, wenn man ein fertiges Haus besitzt. Wenn es noch schön verziert ist mit Wandbemalungen, wird es noch teurer. Deshalb sieht man viele kahle Häuserfassaden in Perú (Kolumbien und Bolivien, ist das da auch so?). Das muss man sich mal vorstellen!

Allgemein hatten wir mehrere mehrstündige (bis zu 12 Stunden) Busfahrten, um von einem Ort zum nächsten zu gelangen. Ich fand das gar nicht so schlimm, weil man die Landschaft genießen kann, die an einem vorbeizieht. Jede Stunde, so fühlt es sich an, verändert sie sich und zwischendurch werden auch viele Stops gemacht, um an den touristischen Shops was zu kaufen, Aussichtspunkte zu genießen oder Fotos mit Babyalpacas zu schießen.

An der Stelle möchte ich erwähnen, dass es Unterschiede zwischen Lamas und Alpacas gibt. Alpacas sind kleiner und haben viel mehr Wolle, weshalb sie dicker und flauschiger aussehen. Es gibt noch einige Unterschiede mehr, aber ganz so leicht fiel es mir nicht, sie auseinander zuhalten. Neben Alpacas und Lamas gibt es dann noch Vikunjas und Guanakos. Vikunjas sind klein und zierlich. Ihre Wolle ist das teuerste Verarbeitungsmaterial der Kleidungsindustrie!

Ein Dorf namens Andahuaylillas, in dem wir hielten, um uns die sixtinische Kapelle Perús anzusehen, erinnerte mich sehr an das pueblo Barichara, welches ich mit Freunden in Kolumbien einmal besuchte. Dort haben übrigens Martin und Natalia geheiratet. In dem Moment habe ich dann Heimweh nach Kolumbien bekommen.

Das echte Copacabana und Titicacasee

Nach Puno betraten wir das erste Mal Bolivien. Der Grenzübergang war ein kleiner Steinbogen und diese Grenze sollten wir noch ein weiteres Mal übertreten müssen – dazu später mehr.
Unsere erste Bolivienstation war Copcabana am Titicacasee, 3.800 Meter Höhe und kalt. Warte… Copacabana und Bolivien? Viele denken vielleicht an Rio de Janeiro, Sonne und Samba bei diesem Namen, aber der bekannte Stadtteil in Rio wurde nach dieser kleinen, unscheinbaren Stadt am Titicacasee benannt. In der Kathedrale der Stadt ist die heilige Madonna – Jungfrau von Copacabana – die Wunder vollbrachte. Nach einer Legende (die jetzt zu lang zum Aufschreiben wäre) wurde nach ihr dann auch das Stadtteil in Rio de Janeiro benannt.
Noch heute wird die Madonna verehrt. Autos aus vielen Ländern Südamerikas fahren in die kleine Stadt, um ihr neu gekauftes Auto segnen zu lassen. Neu gekauft, heißt übrigens nicht neu, denn auch auf Boliviens Straßen fahren Autos, die in Deutschland vom TÜV nicht zugelassen wären. Diese „Neuheiten“ werden bunt geschmückt und dann vor der großen Kathedrale gesegnet.

In Copacabana sind wir ein wenig durch den Ort gelaufen und unser Guide, ein super lustiger, aktiver Kubaner mit einer Liebe für Berlin, trieb uns auf einen mirador (Aussichtspunkt), von wo aus man einen tollen Blick auf den Lago de Titicaca hatte.
Am Abend sah ich einen der schönsten Sonnenuntergang, die ich je gesehen habe und verliebte mich sofort in diesen magischen Ort.

Am nächsten Tag ging es mit dem Boot zur Isla del Sol (Sonneninsel), auf der wir eine Nacht verbrachten. Die Bootsfahrt war amüsant, als unser kubanischer Guide Fausto sich über mich (da sein Englisch nicht so gut war und ich übersetzen konnte) mit meinen Eltern über den Sozialismus und die DDR unterhalten haben. Er kannte viele Kindersendungen aus der DDR und es wurde verglichen, wieviele Ähnlichkeiten es zwischen Kuba und der DDR gab. Ich war total erstaunt!

Die Sonneninsel ist ein Ort der Ruhe mit wunderschöner Aussicht auf das Festland und den endlos scheinenden See. Wir sind hochgelaufen auf die Spitze der Insel und waren uns am Ende einig, dass sich der anstrengende Aufstieg gelohnt hat. Hier fanden wir ein weiteres Stück des Paradieses.
Unser Hotel auf der Insel war sehr umweltfreundlich. Die Heizung der Hütten, in den wir schliefen, war ein schwarzer „Raum“. Dort knallte über den Tag die Sonne rein und das war der einzige Wärmespender. In der Nacht konnte ich aufgrund der Höhe (über 3.800 Meter), daraus folgenden Atemproblemen und der Kälte gar nicht schlafen, doch dadurch bemerkte ich den klaren, unglaublich schönen Sternenhimmel, der sich im See spiegelte.

Ich möchte noch kurz etwas loswerden: als ich ungefähr in der 7. oder 9. Klasse war, behandelten wir im Spanischunterricht den Titicacasee. Damals fand ich nur den Namen lustig, aber hätte niemals gedacht, dass ich diesen Ort jemals sehen würde. Wir lernten etwas über die berühmten Strohinseln auf denen die Menschen angeblich wohnen. Erst dort lernte ich, dass das reine Touristenattraktion ist und die Einheimischen diese Gaukelei gar nicht gut finden.
Für mich war es etwas ganz Besonderes, diesen Ort, den ich vor Jahren im Spanischunterricht kennengelernt habe, nun in Echt zu sehen!

Umweg über Perú, El Alto und La Paz

Nach unserer paradisischen Inselerfahrung sollte es weitergehen in die Metropolen El Alto und La Paz. Obwohl in La Paz der Regierungssitz ist, ist Sucre die Hauptstadt Boliviens.
Als wir noch auf der Insel waren, erfuhren wir, dass es politische Streiks auf der einzigen Straße nach La Paz gab und wir nicht durchkommen würden. Nach langem Hin und Her mussten wir zum kleinen Grenzübergang zurück, Bolivien verlassen, mit einem Bus in Perú zum nächsten Grenzübergang, um eine andere Straße nach La Paz zu nehmen. Das ganze brachte uns neben viel Warten, vier Stempel im Reisepass an einem Tag 😀

Bolivien hat ungefähr 11 Millionen Einwohner und gilt als das ärmste Land Südamerikas. Die meisten Einwohner leben auf dem Land. Bolivien ist in meinen Augen ein noch sehr traditionelles Land, in dem viele Menschen indigene Sprachen, wie zum Beispiel Quechua und Aymara, sprechen. Wir haben einiges über die Geschichte, Traditionen und vielfältige Kultur und Religion Boliviens gelernt, die sehr interessant ist, aber hier den Rahmen sprengen würde.

El Alto und La Paz bilden mit zusammen rund 1,6 Millionen Einwohnern den bevölkerungsreichsten Ballungsraum Bolviens. Leider haben wir nicht so viel von den Städten gesehen, aber die Fahrt mit der Hochseilbahn, durch die die beiden Städte verbunden sind, brachte uns einen Einblick.
Ich würde sehr gerne nochmal längere Zeit in einer der beiden Städte verbringen, um mir einen Eindruck zu machen.
Unser Hotel lag in der Nähe des „Hexenviertels“. Ein bisschen unheimlich war das schon, denn an zahlreichen Ständen hingen tote Babylamas, die man für wenig Geld kaufen konnte. Unser Guide erklärte uns, dass der August der Monat der pachamama ist. Die totgeborenen Lamas werden bis zum August aufbewahrt, um dann der Mutter Erde zu opfern. Mich beruhigt es, zu wissen, dass die Lamas nicht extra dafür getötet werden, denn ein Lama ist sehr teuer in Bolivien und das würde man nicht umbringen.
Die an die Inkas angelehnte Religion, an die viele Menschen in Perú und Bolivien glauben, ist sehr interessant. Sie haben keine Götter, wie im Christentum, sondern glauben an bestimmte Naturphänomene. Ich werde mich mal mehr dazu belesen.

Mein persönliches Highlight: Salar de Uyuni

Vom Flughafen El Alto sind wir nach Uyuni geflogen. Unser neuer Guide holte uns vom Flughafen ab und wir merkten sofort, dass „Herr Aturo“ (wie er sich vorstellte) ein wenig anders war. Ein kleiner zierlicher Bolivianer, der seine viertägige Tour auf deutsch halten wollte, als er mitbekam woher wir kommen. Was mich anfangs sehr störte, später konnte ich auch darüber lachen, war seine machohafte-frauenverachtende Einstellung. Meine Mutter und mich sprach er grundsätzlich nicht an, sondern nur meinen Vater und „Herrn Tino“. Es gab einige Momente, wo ich mich wirklich zusammenreißen musste, beispielsweise, als er mir erklärte, dass „hübsche Fräulein“ nicht Archäologie studieren dürfe, weil das nur für Männer ist.
Naja… mir wurde bewusst, dass das Frauenbild eben doch nicht überall so ist, wie in Deutschland.

Nichtsdestotrotz war die letzte Tour, die wir unternahmen, unvergesslich! Ich habe Orte gesehen, von denen ich niemals gedacht hatte, dass sie existieren würden. Wenn ich jetzt an die Schönheit der Natur zurückdenke, auf die wir gestoßen sind, bekomme ich ein warmes Gefühl und würde am liebsten direkt nochmal dahin.
Vier Tage land sind wir mit einem Truck durch die Salzwüste Boliviens, stets auf 4.000 Meter Höhe oder mehr, haben in einsamen Salzhotels geschlafen und eine Lagune, schöner als die andere gesehen.

Zuerst waren wir bei einem Eisenbahnfriedhof, auf dem wir rumklettern konnten, wie wir wollten. Danach ging es weiter in die über 10.000 km² große Salzwüste.

Die Salzwüste ist bei Touristen besonders beliebt, weil man großartige Fotos dort machen kann.
Hier seht ihr ein paar (es fehlt das Video, wo Tino als Riese meine Eltern und mich als Winzlinge jagt 😀 ):

Wir waren in der Trockenzeit da und es ist unglaublich diese riesigen, schneeartigen Weiten zu sehen. Auf dem spinnennetzartigem Grund findet man auch einige heiße Quellen.
Anfangs waren wir noch mit mehreren Gruppen am Startort, wo ein Rondell mit Flaggen aus aller Welt war, später schien es, als hätten wir die gesamte Wüste für uns alleine.
In der Regenzeigt stehen bis zu 13 cm Wasser auf dem Salz und die Berge rundum spiegeln sich. Das haben wir an einigen Stellen gesehen.

Wir haben in den letzten Tagen so viel gesehen, dass ich am besten gar nicht viel dazu schreibe, sondern euch einfach die besten Fotos zeige.
Einen Vormittag verbrachten wir auf der Kakteeninsel Isla Incahuasi. Der Ort wirkte fast schon surreal. Mitten in der weißen Landschaft steigt ein Hügel empor, voll mit stacheligen Kakteen.

 

An einer Stelle stießen wir auf Schienen, die nach Chile führten. Dort wurde uns bewusst, dass hinter den umliegenden Bergen und Vulkanen ganz nah Chile und Argentienen liegen.

Ich möchte noch kurz sagen, dass es während der gesamten Tour seeehr kalt war. Nachts konnten wir meist nicht schlafen, aufgrund der Kälte (Hotels waren nie beheizt, weil es meist nur bis 18 Uhr Strom gab) und der Höhe, die uns beim Atmen zu schaffen machte.

Beeindruckend waren auch die Geysire – brodelnde, heiße Quellen. Vor zwei Jahren ist eine Chilenin dort umgekommen, als sie in die Quellen reingefallen ist.

Ich war sehr erstaunt, dass auf über 4.000 Metern Höhe tausende von Flamingos leben. Mit den roten, blauen und türkisfarbenen Lagunen, der Berglandschaft und der unbekannten Flora, die wir gesehen haben, war das ein einzigartiges Naturspiel. Teilweise dachte ich wirklich, wir würden auf eine Leinwand gucken.

Am Ende fanden wir noch eingie Steinformationen, die mich sehr an die USA erinnert haben.

Ihr merkt, ich bin wirklich fasziniert von den Orten, die wir in Perú und Bolivien gesehen haben! Es gibt so viele Plätze auf dieser Welt, von denen man gar nicht weiß, dass sie existieren und ich bin sehr dankbar, dass ich diese Reise machen durfte!
Ich hoffe, ich konnte euch einen kleinen Einblick geben und euch gefallen Bilder und Text.
Ich merke, dass ich schon wieder Fernweh habe und die nächste Südamerikareise gar nicht abwarten kann!

Weisheit des Tages (heute mal in Manu Chaos Worten):

„Je öfter ich in Südamerika bin, desto mehr habe ich das Bedürfnis wieder hinzufahren. Eigentlich bräuchte man vier Leben allein um Südamerika zu erkunden!“

Julumbien in Perú und Bolivia (1)

Hallo ihr Lieben,

ich habe mir einen Tag Zeit genommen, um euch von meiner unglaublichen Reise im August durch Südamerika zu erzählen.
Achtung! Ich warne euch jetzt schon vor dem vermutlich längsten, aber auch vielfältigsten Beitrag, den ich je geschrieben habe. Wem das zu viel Text und Informationen sind, kann einfach die vielen, wunderschönen Bilder genießen. Viel Spaß!

Tunja

In meinem letzten Beitrag habe ich erwähnt, dass ich Ende Juli (am ersten Semesterferienwochenende) aufgrund der Reise mit meiner Familie schon eine Woche vorher nach Tunja gefahren bin. In der einen kurzen, dennoch erlebnisreichen Woche, habe ich viel Zeit mit meinen Familien und Freunden verbracht. Ich war in meinen Schulen und bin ein Tag mit meiner Nachbarin nach Bogotá gefahren, da ich mir die Uni dort angeguckt habe. Dazu mehr in einem anderen Beitrag.
Am Wochenende hatte ich Martin und Natalia bei der Auswahl der Freiwilligen geholfen. Ab Januar werden das erste Mal Freiwillige aus Kolumbien nach Deutschland gehen und ich bin sehr stolz, dass die beiden dieses Projekt umsetzen! Mehr zum Süd-Nord-Projekt hier.

Am gleichen Tag bin ich mit meinen Nachbarn zu den cascadas in der Nähe von Villa de Leyva gefahren. Wir hatten wie immer viel Spaß und mit meinem Geschick bin ich ausnahmsweise mal nicht ins Wasser gefallen. Später waren wir noch in Villa de Leyva. Da liefen schon die Vorbereitungen für die fiesta del viento y de las cometas (Wind- und Drachenfest), das jedes Jahr stattfindet. Ich habe es leider immer verpasst und diesmal konnte ich ein wenig miterleben, wieviele bunte Drachen in der Luft umherschweben.
Am letzten Tag flossen wie immer viele Tränen, als ich mich auf den Weg nach Bogotá gemacht habe, um nach Líma zu fliegen.
Damals wusste ich noch nicht, dass der Abschied nur für kurze Zeit sein würde 😀

 

 

 

Lima

Es war schon komisch, mich mit meiner Familie auf dem Flughafen in Lima zu treffen!
Vor über einem Jahr war ich bereits für zwei Wochen in Perú mit einigen Freunden. Einige Stationen unserer Reise hatte ich also bereits besucht, aber man lernt ja nie alles kennen. Genauso war es in Lima.
Wir hatten zwei Tage in der Hauptstadt. Von den rund 31 Millionen Einwohnern in Perú leben 10 Millionen in Lima, also jeder Dritte! Die Stadt ist unglaublich groß!
Das bemerkten wir unter anderem am Verkehr. In Lima vergeht wohl nie ein Tag ohne Stau. Einen Abend wollten wir aus Tradition zum Hard Rock Cafe und saßen eineinhalb Stunden im Taxi, eh wir ankamen (und bezahlten trotzdem weniger als 10€).

 

 

 

Ich muss sagen, Lima ist nicht unbedingt meine Lieblingsstadt, aber natürlich kenne ich sie auch nicht gut genug. Es gibt einige schöne Orte, die sehr empfehlenswert sind, beispielsweise die Steilküste mit dem eingebauten Einkaufszentrum und dem parque del amor. Diesen erreicht man, wenn man durch das lebendige Viertel Miraflores geht. Damals hatten wir dort auch unser Hostel und nun das Hotel. Der Plaza de Armas ist der wunderschöne farbenreiche Platz, geschmückt mit vielen Palmen. Der Regierungspalast nimmt die komplette Nordseite ein und rechts von ihm ist die riesige catedral de Lima. Am letzten Tag unserer Reise, bevor wir nach Deutschland zurückgeflogen sind, hatten wir noch einen Tag in Lima, den wir im Künstlerviertel Barranco verbracht haben. Viele bunte Häuser sind mit kunstreichen Graffitis besprüht und überall sind Stände, Grünflächen und Musiker.

Paracas, Islas Ballestas und Sandsurfen

Von Lima aus ging es mit dem Bus zwei Stunden weiter in den kleinen Ort Paracas, der einzige Ort, wo wir während der Reise mal den Bikini und kurze Hosen auspacken konnten. Ansonsten befanden wir uns immer hoch oben in den Anden und hatten kein Strand- und Badewetter, wie man sich das vielleicht vorstellt.
Paracas ist ein ruhiger Fischerort mit einer Strandpromenade. Von dort aus sind wir mit dem Boot zu den Islas Ballestas gefahren, einer Inselgruppe, die mit den Galapagos-Inseln verglichen wird, aufgrund ihres Artenreichtums. Die fischreiche Küste bietet zahlreichen Tieren, Seelöwen, Robben, Kormoranen, Pelikanen, Flamingos und sogar ca. 250 Humboldt-Pinguine, einen idealen Lebensraum.
Unsere Bootstour ging zwei Stunden und es war unglaublich, wieviele Vögel und andere Tiere wir gesehen haben!

 

 

 

Dazu möchte ich erwähnen, wie laut es zwischen den tausenden Vögeln war! Noch schlimmer war der Gestank. Alle sieben Jahre gehen für drei Monate 200 Arbeiter auf die Inseln um das guano von den Felsen abzukratzen. Das ist nichts anderes als Vogelkacke.  Diese wird eingesammelt und zu Dünger verarbeitet um dann ausschließlich in Perú verwendet zu werden. Es wird sehr gut bezahlt, ist aber auch ein anstrengender und gefährlicher Job.

Am nächsten Tag unternahmen wir eine kleine Wüstentour, wo uns viele Fossilien gezeigt wurden und wir einiges über den Ort lernten. Wir haben die wunderschöne Küste Paracas gesehen und ich habe jeden Moment genossen an diesem Ort.

 

 

 

Einer der Highlights der gesamten Reise war das Sandsurfen!
Zuerst hatten wir eine turbulente Buggytour, die eher einer Achterbahn glich. Mit mindestens 100 km/h sauste unser Fahrer und Guide mit einem klapprigen Gestell die steilen Sanddünen entlang. Das Beste: wir waren komplett alleine in der Wüste, soweit man blicken konnte! An einer Stelle hielten wir an und konnten so oft wir wollten (oft), die Sanddünen auf Brettern (am Ende auch ohne Bretter) runterrasen. Das war Adrenalin pur!

 

 

 

Nazca und Flug über die Nazca-Linien

Nach diesem Erlebnis fuhren wir weiter nach Nazca.
Nazca besteht praktisch aus einer großen Straße mit vielen touristischen Läden und dem typischen Plaza Prinzipal, an dem wir einen Tag einen Umzug gesehen haben. Wir sind weitervorgedrungen und auf einen lauten, chaotischen und typisch südamerikanischen mercado (Markt) gestoßen. Die Atmosphäre auf einem solchen Markt sollte man einmal erlebt haben! Mein kleiner Bruder fand es teilweise ein bisschen beängstigend oder bedrohlich. Alle Händler wollen ihre Ware loswerden und „schreien“ rum, überall ungewohnte Gerüche und zwischen Kartoffeln, Äpfeln und Mangos sieht man zahlreiche unbekannte Früchte. Die Fische und abgetrennten Hühnerbeine- und köpfe fand mein Bruder nicht so toll.

 

 

 

Der Grund, warum wir in Nazca waren, war allerdings nicht das kleine pueblo oder der mercado, sondern die mehr oder weniger bekannten Nazca-Linien.
Die Nazca-Linien wurden erst 1924 entdeckt und 1949 weltweit durch die Forschungen der Deutschen Maria Reiche bekannt. Es sind gerade, bis zu 20 km lange Linien, Dreiecke und trapezförmige Flächen auf über 500 km². Besonders sind die überdimensionalen Zeichnungen von Vögeln, Echsen und anderen Tieren. Durch die enorme Größe sind sie nur aus großer Entfernung zu erkennen, deshalb sind wir mit einem Miniflugzeug 30 Minuten darüber geflogen.
Man rätselt noch heute, wann und wie sie entstanden sind. Es gibt zahlreiche Theorien. Viele vermuten, dass sie von Außerirdischen geschaffen wurden, da es auch eine Darstellung gibt, die einem Marsmenschen ähneln.
Vermutlich handelt es sich jedoch um Abbildungen im Rahmen von Fruchtbarkeitsritualen, die zwischen 800 und 600 v. Chr. angelegt wurden.
Tino und ich haben den Flug nicht so gut in Erinnerung. Der Pilot lenkt das Flugzeug von einer Seite zur anderen in die Senkrechte (!) und uns wurde ziemlich schlecht. Aber es ist sehr beeindruckend diese mystischen, riesigen, geometrischen Zeichnungen aus der Höhe zu sehen!

 

 

 

Arequipa

Weiter ging es in die auf 2.300 Meter gelegene Stadt Arequipa, auch „weiße Stadt“ genannt. Ein wirklich schöner Ort mit einem eindrucksvollem Hauptplatz mit Kathedrale und dem Kloster mitten im Zentrum, das eine lange, interessante Geschichte hat.
Zu der Zeit, als wir da waren, gab es in ganz Perú viele fiestas und Umzüge. Wir haben spontan einen miterlebt und die Peruaner haben ihre gute Laune und auf uns übertragen. Zwischen verschiedenen Gruppen traditioneller Tänzer mit lauter Musik, gab es kunterbunte Kostüme und Wagen mit viel Essen und Trinken. Das wurde großzügig unter den Schauenden verteilt. Tino war entsetzt, als an einem Wagen tote, gehäutete Meerschweinchen hingen. Das Bild erspare ich euch lieber.

 

 

 

Colca-Canyon und Höhenkrankheit

Von Arequipa aus hatten wir eine zweitägige Tour zum Colca-Canyon gebucht. Das war für uns alle wohl die anstrengenste Zeit.
Was uns ein wenig zu schaffen gemacht hat, war die Höhenkrankheit. Ab einer gewissen Höhe kann es zu Symptomen wie Kopfschmerzen, Übelkeit, Schwindel, Atemnot, Schlafstörungen und Schwäche kommen.
Ich habe ein bisschen gehofft, dass ich da ich vorher in Tunja (2.800 Meter) war, keine Probleme bekommen würde, aber falsch gedacht. Jeder kann die Höhenkrankheit bekommen, unabhängig von Alter, Gewicht oder Gesundheits-/Fitnesszustand. Mir ging es schon in Arequipa nicht so gut und ich war eine zeitlang krank, allerdings denken wir, dass der Auslöser nicht die Höhenkrankheit war, da ich in der warmen Mittagssonne Schüttelfrost bekommen habe (und weitere Male) und das kein typisches Symptom ist.

Gegen die Höhenkrankheit wird geraten viel Coca-Tee oder -produkte zu sich zu nehmen. Das mag sich ein wenig komisch anhören, aber Coca hat eine sehr lange Tradition in vielen Ländern Südamerikas.
Coca-Blätter werden hier gekaut, im Tee getrunken oder zu Süßigkeiten verarbeitet. Das ist legal, denn die Blätter müssen chemisch weiterverarbeitet werden, eh die Droge Kokain entsteht. Angeblich sollen Coca-Blätter eine stärkende, heilende Wirkung haben. Wer weiß, vielleicht hat es mir ein bisschen geholfen.

Bevor es aber hoch hinausging (wir waren schon auf über 3.000 Metern), machten wir unter anderem Halt bei einer Alpaca-Herde. Mir ging es schon nicht so gut, aber trotzdem ist mir ein großartiges Selfie mit einem Alpaca gelungen!
Der höchste Punkt, den wir erreichten war auf knapp 5.000 Meter Höhe. Ich habe mich wie im Vakuum gefühlt und kam nur sehr langsam voran. Ohne Atem saß ich da und habe die Steinformationen und aktiven Vulkane um mich herum bewundert. Rumlaufen war nicht mehr drin. Aber die Aussicht war toll!

 

 

 

Auf der Colca-Canyon-Tour haben wir viele Landschaften gesehen. Die Inka-Terrassen und der Canyon waren dabei die Highlights. Über dem Canyon gleiten die Andenkondore, Geier, die eine Flugspanne von drei Metern haben. Die Schlucht des Colca-Canyon ist mit über 3.000 Metern die zweittiefste der Welt. Grand-Canynon ist (nur) 1.800 Meter tief. Mit den eleganten, schon majestätischen Kondoren ist das ein unglaubliches Naturspiel.
Ich war aber ein wenig erschrocken, wieviele Touristen dort waren. Auf einen Kondor gab es ca. zehn Menschen und deshalb konnte ich den Moment nicht so sehr genießen, wie ich es gerne gemacht hätte.
Eh wir am Canyon waren, standen wir ewig mit Hunderten von Autos und Bussen auf der Straße, die zum Aussichtspunkt führte. Als wir in Perú waren, gab es mehrere Lehrerstreiks, die wir in einigen Städten erlebt haben. Lehrer hatten sich auf die Landstraße gestellt, so dass keiner mehr vorbei kam. Nach vielen Diskussionen konnte man sie jedoch überzeugen, dass sie die Straßen freimachen für die Touristen.
Trotzalldem war es ein beeindruckendes Erlebnis ins Colca-Tal zu fahren!

 

 

 

Cusco und Machu Picchu

Von Cusco habe ich leider nicht viel mitbekommen. Cusco ist die letzte große Stadt vor der Sensation Machu Picchu und liegt auf 3.400 Meter Höhe. Sie erinnert mich ein wenig an Tunja mit den umliegenden Bergen und den Tiefen und Höhen der Stadt. Als ich letztes Jahr dort war, hatten wir eine schöne Zeit. Diesmal lag ich leider nur krank im Bett. Hier trotzdem ein paar Fotos:

 

 

Diesmal bestritten wir nicht den Inka-Trail, sondern sind mit dem Panoramazug nach Aguas Calientes gefahren, dem letzten Ort vor Machu Picchu.
Obwohl ich noch nicht wieder richtig gesund war, habe ich die zweistündige Tour mit unserem Guide mitgemacht und wieder viele spannende Dinge gelernt über die Inka-Kultur, deren Bauweise und Religion. Die Inkas verehrten die pacha mama (Mutter Erde) und richteten ihre Lebensweise nach ihr. Ich könnte einen extra Beitrag darüber schreiben, weil ich das Thema sehr spannend finde.
Auf dem Machu Picchu war es wieder magisch! Unbeschreiblich ist die Atmosphäre, wenn dünne und dichte Nebelschwaden sich um die Bergkuppeln legen. Jeder Augenblick ist einzigartig, da die Wolken ständig in Bewegung sind und neue Bilder schaffen.

 

 

Nach einem magischen und anstrengenden Tag sind wir noch eine Nacht in Agua Calientes geblieben, eh es mit dem Zug zurück ging.
Hier noch ein paar Fotos aus dem pueblo:

 

 

So, wer es bis hierhin geschafft hat… Herzlichen Glückwunsch 😀
Das war ungefähr die Hälfte unserer Peru-Bolivien-Reise. Es ist doch schwieriger, als gedacht, drei Wochen voller Erlebnisse zusammenzufassen. Also geht es bald mit einem zweiten Teil weiter, denn es fehlen noch jede Menge Fotos und wunderschöne Orte, die ich mit euch teilen möchte (Titicacasee, Salzwüste, bunte Lagunen)!

Weisheit des Tages: Man wird ein Land niemals komplett kennenlernen! Aber man kann versuchen, so viel, wie möglich mitzunehmen und zu erleben.