Studieren an der UNAL in Bogotá

– 53 Tage nach der Ankuft –

Seit einem Monat läuft der Unterricht an der Uni schon und ich bin erstaunt, wie schnell die Zeit vergeht! Wie damals in Tunja bekomme ich hier ein paradoxes Verhältnis zur Zeit. Einerseits kann ich es nicht glauben, dass ich schon seit fast zwei Monaten in Kolumbien bin, andererseits passieren so viele interessante Dinge, dass die Zeit zu rasen scheint.
Mittlerweile habe ich mich sehr gut eingelebt und genieße das Großstadtleben in Kolumbiens bunter Hauptstadt.

Ab morgen ist die semana universitaria. In der Woche finden keine Kurse statt und ich habe mich spontan entschieden nach San Andrés und Providencia zu fliegen. Mehr dazu kommt in einem anderen Beitrag.
Die ersten vier Wochen in der Uni sind also geschafft. Ich habe viele neue Eindrücke und Erfahrungen gesammelt, interessante Sachen gelernt und spannende Menschen kennengelernt mit denen ich noch spannendere Gespräche geführt habe.

Die Universidad Nacional de Colombia, abgekürzt UNAL oder von Studierenden auch liebevoll Nacho genannt, wurde 1867 mit sechs Studiengängen gegründet und ist somit die erste öffentliche Universität Kolumbiens. Sie gilt als eine der größten und renommiertesten Universitäten nicht nur Kolumbiens, sondern auch gesamt Lateinamerikas. Neben dem Hauptcampus in Bogotá gibt es sedes in Medellín, Manizales, Leticia, Palmira, Tumaco, San Andrés und Arauca.
Im Gegensatz zu vielen Universitäten in Deutschland, sind alle Fakultäten auf einem Campus vereint. Die Uni hat drei verschiedene Haupteingänge und um von A nach B zu kommen, braucht es schon einmal 20 Minuten Fußweg. Der Campus hat viele Grünflächen, auf denen sich Studierende versammeln, mehrere Cafeterien, Restaurants und Plätze, wobei der Plaza Che wohl der bekannteste ist, benannt nach dem Revolutionär Che Guevara. Regelmäßig finden dort Veranstaltungen statt.

Im Vergleich zu anderen angesehenen Universitäten in Bogotá, wie Los Andes oder Javeriana, merkt man, dass die UNAL keine Privatuni ist. Einige Gebäude wurden shcon seit Jahren nicht mehr renoviert; ich habe schon einige Male von kaputten, einsturzgefährdeten Dächern gehört, so dass das Gebäude von Bellas Artes (Schöne Künste) momentan nicht genutzt werden kann und Architektur ironischerweise gar kein Gebäude hat. Andere Fakultäten sind besonders schön wie beispielsweise das Gebäude von Enfermería (Krankenpflege) und Ciencas Humanas (Sozialwissenschaften).
Besonders gefallen mir die vielen murales und Graffitis, die überall zu entdecken sind. Graffiti hört sich nach Schmiererei an, dabei handelt es sich dabei um kleine Kunstwerke. Ich werde mich mit meiner Kamera mal auf den Campus begeben und einige einfangen. Was mich so fasziniert, ist das politische Bild, das sich in den Schriftzügen und Zeichnungen wiederfinden. Bedeutende historische Personen und Ereignisse werden geehrt, beispielsweise der Komödiant Jaime Garzón, der 1999 aufgrund seiner politischen, gesellschaftlichen Kritik ermordet wurde.
Im Rahmen der Uni wollte ich mich noch ausführlicher mit Graffiti als politisches, urbanes Medium beschäftigen und schreibe gerne darüber ausführlicher.

Auf dem Campus gibt es also immer Neues zu entdecken und täglich warten neue Überraschungen. Jeden Donnerstagabend ist beispielsweise auf dem gesamten Campus Musik zu hören von Salsa bis Reggaeton, es gibt trago (Alkohol) zu kaufen und überall tanzende, sich unterhaltende Studierende. Wie ich erfahren habe, wird die Uni freitags schon 17 Uhr zugemacht, weil die Partys am Freitag auf dem Unigelände stattfanden, „eskaliert“ sind. Deshalb gibt es jetzt den juernes (jueves + viernes), ein Wortmix aus Donnerstag und Freitag, was bedeutet dass die Freitagsparty auf den Donnerstag verschoben wurde und Studierende sich treffen, tanzen und feiern.

Mittlerweile finde ich mich auf dem Campus ganz gut zurecht, nachdem ich mich in der ersten Zeit das eine oder andere Mal verlaufen habe oder im Kreis lief.
Ich besuche materias (Fächer) aus den carreras (Studiengängen) Cine y Television und Diseño Gráfico. Während das Gebäude für Grafikdesign 10 Minuten von mir zuhause entfernt ist (direkt am Eingang Calle 26), ist Kino und Fernsehen das Gebäude, was am weitesten entfernt ist.
Dieses Semester habe ich vier materias. Für mich genau richtig, ich bin gut ausgelastet, aber komme gut mit im Stoff. Insgesamt habe ich mir eine bunte Mischung von Fächern ausgesucht:

  1. Historia de Diseño en Latinoamerica:
    Geschichte des Designs in Lateinamerika ist einer meiner Lieblingskurse. Neben den künstlerischen Strömungen in Lateinamerika des 19. und 20. Jahrhunderts, lernen wir auch die geschichtlichen und politisch-sozialen Zusammenhänge. Besonders gut gefällt mir, dass der Fokus dabei nicht nur auf Kolumbien liegt, sondern wir mehrere Länder behandeln, vor allem Mexiko, Brasilien, Argentinien, Kuba und Chile. Meine profe ist aus Kuba, wodurch sie einen ganz anderen Blick auf die Geschichte mitbringt, als es eventuell Kolumbianer*innen tun würden.
  2. Estética y teoría de la imagen:
    Ästhetik ist für mich mit Abstand der schwierigste Kurs. Im vorletzten Semester hatte ich bereits eine Vorlesung und ein Seminar über Ästhetik in Deutschland. Schon auf deutsch war es schwierig sich durch die philosophischen, abstrakten Texte zu kämpfen. Obwohl wir hier Texte von hauptsächlich europäischen Schriftsteller*innen lesen, die ich teilweise schon kenne, fällt es mir sehr schwer auf Spanisch darüber zu philosophieren, was Bewusstsein, Wahrnehmung und Ästhetik sind. Ein bisschen beruhigt es mich zu sehen, dass meine kolumbianischen compañerxs (Mitstudierende) auch mit leerem, verzweifelten Blick den profe ansehen.
  3. Producción en medios digitales:
    Der Kurs, der sich am Spannendsten anhörte, wurde zum Langweiligsten für mich. Erwartet habe ich Medienproduktion in verschiedenen Bereichen digitaler Medien, die wir erlernen. In Wirklichkeit ist es ein Programmierkurs, in dem wir mit HTML und CSS eine Website programmieren sollen. Einen ähnlichen Kurs besuchte ich bereits in Potsdam. Daher weiß ich schon: programmieren kann Spaß machen, wenn man erst einmal anfängt. Leider reden und reden und reden wir nur im Kurs und nicht einmal über das Programmieren. Teilweise lässt uns der profe Texte über gelungene User Designs lesen oder er redet eine halbe Stunde lang über seine kleine Tochte. Bei dem Kurs warte ich immer noch, dass er so richtig anfängt.
  4. Iniciación a los estudios feministos y género:
    Der feministische Kurs ist einer meiner liebsten Kurse! Jede Stunde behandeln wir neue spannende Themen, die mir persönlich sehr wichtig sind, wie Sexualität, soziale Genderkonstrukte und Unterdrückung von Frauen. Das ist der einzige Kurs, den ich an einer anderen Fakultät als der facultad de artes (Künstlerische Falkultät) besuche. Er gehört zu Ciencias Humanas (Sozialwissenschaften). Ich wollte von vornherein gerne einen politischen und/oder feministischen Kurs belegen und dieser ist genau richtig! Interessant ist auch, dass Studierende aus den verschiedensten carreras zusammenkommen, die alle einen anderen fachlichen Blick auf die Themen mitbringen. In diesem Kurs haben wir diverse Diskussionen und ich bekomme viel interessanten Input.
    Da Feminismus (für mich) ein wichtiges Thema ist, freue ich mich, dass ich einen Einblick in den Feminismus in Kolumbien erhalte.

Das sind also die vier Kurse, die ich an der UNAL besuche.
Ich war teilweise erstaunt, wieviele Parallelen es zu meinem Studiengang in Deutschland gibt. Deshalb finde ich es aufregend zu sehen, wie die gleichen bis ähnlichen Inhalte mit lateinamerikanischem Bezug gelehrt werden. Einen solchen Perspektivwechsel finde ich sehr bereichernd sowohl für mich privat, als auch für einen akademischen Kontext.

Für fast jeden Kurs müssen viele Texte gelesen werden. Anfangs fiel es mir schwer auf Spanisch zu lesen, da ich das nicht gewohnt war. Je mehr Texte ich lese, desto leichter fällt es mir und ich bin doch schnell ins Spanischlesen reingekommen.
An der Uni gibt es Anwesenheitspflicht. Wenn man in einem Kurs mehr als dreimal fehlt, ist man raus. Das erscheint mir ziemlich hart, da wir in Deutschland an meiner Uni keine Anwesenheitspflicht haben.
Um einen Kurs zu bestehen, muss man Verschiedenes tun. Neben der Unterrichtsbeteiligung gehören aus exposiciónes (Vorträge, beziehungsweise Unterrichtsvorbereitung), schriftliche Zusammenfassungen über Texte, die gelesen werden sollten, ensayos (Essays) und gerade bei Grafikdesign andere kleine Arbeiten, wie beispielsweise eine revista (ein Magazin), das wir in Geschichte in Gruppen erstellen.
Eine exposición im feministischen Kurs habe ich schon hinter mir. In einer 3er-Gruppe haben wir eine dreistündige Unterrichtseinheit gestaltet über die Frage, ob das Geschlecht biologisch oder doch eher eine soziale Konstruktion ist.
Die Unterrichtsdauer ist abhängig von den Credits, die ein Kurs wert ist. Alle meine Kurse dauern vier Stunden, die entweder auf zwei Blöcke auf die Woche verteilt stattfinden, oder als eine Vier-Stunden-Einheit. Montags habe ich frei, dienstags und donnerstags von 9-11 und 14-18 Uhr, mittwochs und freitags nur von 11-13 Uhr. So habe ich genug Zeit mich auf die Kurse vorzubereiten und trotzdem noch etwas vom Unileben mitzubekommen.

Das war ein kleiner Einblick in das Unileben, was ich hier führe. Bald kommen noch mehr Fotos von der Uni, den Graffitis und natürlich auch von meiner Umgebung und dem vielfältigen Bogotá.
Über Fragen, Anregungen und Vorschläge für weitere Blogbeiträge freue ich mich sehr 🙂

Weisheit des Tages: Studieren im Ausland ist für mich ein vielseitiger Perspektivwechsel, bei dem ich viel über mich, meine deutsche Uni und die UNAL lerne.

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